Axel Bertram
Grafisches Gestalten in fünf Jahrzehnten

Eine Monographie

Spürbar gehen Werte verloren, wandeln sich, neue Werte werden propagiert. Rasante Werteverschiebungen überholen die demokratische Willensbildung, sie bedürfen der öffentlichen Auseinandersetzung. Die STIFTUNG NEUE KULTUR will dazu beitragen, indem sie bedeutende kulturelle Leistungen, die über die einstigen deutschen Grenzpfähle hinaus zu hohem Ansehen gelangten, vermittelt und erhält. Künstlerische und gestalterische Arbeiten sind besonders geeignet, über verschiedene Aspekte der Wertebildung nachzudenken, da ihre Aussagen vielfach in das Alltagsbewusstsein eingedrungen sind.

Diese Monographie stellt eine repräsentative Auswahl aus Bertrams ungewöhnlich vielseitigem künstlerischen Werk vor. Seine Arbeiten waren wesentlich der Öffentlichkeitsarbeit kultureller Institutionen gewidmet und zwar sowohl in der DDR als auch nach 1990 im vereinigten Deutschland.

Gezeigt werden Buchumschläge für renommierte Verlage der DDR ebenso wie komplett aufwendig gestaltete illustrierte Bücher in Ost und West. Ein besonderes Kapitel ist der Gestaltung von Zeitschriften gewidmet. Bertram richtete in den sechziger Jahren das Layout des Modejournals Sibylle ein und schrieb für dieses Blatt über Formgestaltung und Mode. Gleichzeitig erneuerte er das graphische Erscheinungsbild der auflagenstarken Illustrierten NBI und entwarf dafür eine besondere Auszeichnungsschrift. Um 1970 überarbeitete er das graphische Bild der sehr begehrten Wochenpost, die ihren prägnanten Charakter mit Marginalienrand über zwanzig Jahre bewahrte. Für die Seite 1 schuf er in dieser Zeit über dreißig Titelzeichnungen, so den Titel arbeitslos.

Bertram entwarf das Signet für das Metropoltheater Berlin, aus dem sich in der Ateliergemeinschaft Gruppe 4 über Jahrzehnte der Plakatauftritt entwickelte. Neben Film- und Ausstellungsplakaten schuf Bertram eine Reihe engagierter Plakate und Blätter im Eigenauftrag.


Signet für das Metropoltheater Berlin, 1962 bis 1997
Ab 1966 erschloss sich Bertram ein neues Arbeitsgebiet im Entwurf von Gedenkmünzen der DDR. Neben Gemeinschaftsentwürfen, bei denen er für die Schriftgestaltung verantwortlich zeichnete, entwarf er zeichnerisch und plastisch erfolgreiche Gedenkmünzen zu Ehren von Gutenberg, Kepler, Dürer, Cranach u.a. Besonders bekannt geworden sind die Umlaufmünzen 20 Pfennig und Meißen. Nach eigenem konzeptionellem Vorschlag zeichnete Bertram vier Briefmarken-Kleinbogen zum Thema Historisches Spielzeug jeweils für die Jahresendausgabe 1979–81.

Eine neue zeichenhafte Bildsprache erarbeitete Bertram nach 1992 für den Verlag Neue Musik Berlin, insbesondere für die Notenhefte und CD-Cover des befreundeten Altmeisters Kurt Schwaen. Eine besonders fruchtbare Zusammenarbeit entwickelte sich 1998–2002 mit der Staatsbibliothek Berlin – Preußischer Kulturbesitz unter dem Generaldirektor Dr. Jammers. Bertram betreute hier eine Reihe von sorgfältig durchgestalteten Katalogen mit selbstentworfenen Satzschriften.

Charakteristisch für die künstlerische Auffassung des Gestalters Bertrams sind seine Bemühungen, alle Möglichkeiten für unabhängige Arbeitsbedingungen zu nutzen, nach eigenen Vorstellungen zu planen und dann Partner für die Realisierung zu suchen. So schuf er 1982 ein kalligraphisches Büchlein mit 90 Seiten klassizistischer Handschrift: Goethes Buch Suleika und 1983 Das Hohe Lied Salomo, 40 Seiten in vier Farben mit der Breitfeder geschriebener Rotunda, beide mit einem kenntnisreichen Nachwort versehen. Erst 2003 konnte die lang geplante reich illustrierte Ausgabe des »Hiob« erscheinen, vom Graphiker selbst in seiner Werkschrift Salomo gesetzt und mit umfangreichen Erläuterungen versehen. Einen vorläufigen Höhepunkt seiner publizistischen Bemühungen legte Bertram 2004 mit einer Kulturgeschichte der Schrift vor, die unter dem Titel Das wohltemperierte Alphabet von 99 Meistern der Schrift in Wort und Bild berichtet. In den letzten Jahren hat sich Bertram völlig der Schrift in all ihren Spielarten und Möglichkeiten zugewandt – von großformatiger Pinselkalligraphie bis zur strengen Durchgestaltung von digitalen Werkschriften.

Es fällt nicht leicht, die verschiedenen künstlerischen Arbeiten von Axel Bertram einem einzigen Gestalter zuzuordnen. Er hat von Anfang an nie Wert gelegt auf die Wiedererkennbarkeit einer unverwechselbaren Handschrift. Wichtiger war ihm, in neuen Aufgaben neue gestalterische Möglichkeiten zu entdecken. Da sich Bertrams Arbeiten weitgehend den kurzfristigen Trends der Werbebranche entzogen, vielmehr funktionale Verläßlichkeit anstrebten, wirken sie zumeist auch heute noch klar und lebendig und überzeugend.